Logo buergerstiftung-rheinviertelLogo 20 Jahre buergerstiftung-rheinviertel

„Die Täter sind immer gut vorbereitet, wir nicht.“

Eindrückliche Informationen, wie und warum Schockanrufe funktionieren

95 Tatvollendungen, ein Schaden von sechs Millionen Euro und eine sehr hohe Dunkelziffer – das ist die Bilanz 2025 der Polizei Bonn beim Telefonbetrug gegen ältere Menschen. Aber wie und warum funktioniert dieses kriminelle Vorgehen überhaupt? Darum ging es am 19. Juni 2026 im Pastoralen Zentrum St. Marien. 

„Eine doppelte Premiere“ kündigte unser Vorstandsmitglied Agnes Leinweber zur Begrüßung an. Denn erstmals präsentierte mit Luise Dinger eine Wolfgang-Picken-Stipendiatin der Katholischen Hochschule NRW ihr Promotionsprojekt. Und ebenfalls zum ersten Mal gestalteten Bürgerstiftung Rheinviertel und Forum Bad Godesberg eine gemeinsame Veranstaltung, moderiert von Bildungsreferentin Julia Heidler. 

Das Podium vervollständigten zwei Vertreter der Bonner Polizei: Bernhard Sodoge ist Technischer Sicherheitsberater/Seniorenberater und arbeitet im Bereich Kriminalprävention/Opferschutz. Kriminalhauptkommissar Jörg Mittelstädt kennt die Konsequenzen erfolgreichen Telefonbetrugs aus eigener Ermittlungsarbeit.

Luise Dinger untersucht in ihrer Promotion die Auswirkungen sogenannter Schockanrufe auf die Betroffenen. Grundlage dafür sind persönliche Interviews, für die sie bundesweit über unterschiedlichste Kanäle Gesprächspartner suchte. Eine erste Erkenntnis: „Der Schockanruf besteht eigentlich aus zwei Erfahrungen.“ Zuerst der emotionale und körperliche Schock angesichts der vorgegaukelten Katastrophe aus dem engen Familienkreis, die die Personen in dem Moment als real erleben und zum Beispiel wirklich glauben, die Stimme der schwer verletzten Tochter zu hören. Später die Betrugserfahrung, also die Gewissheit, massiv getäuscht worden zu sein. „Zweimal wird mit meiner Wirklichkeit gebrochen“, so Luise Dinger.      

Jörg Mittelstädt machte eindrucksvoll klar, was da tagtäglich passiert: „Dies ist ein mafiös strukturiertes Massenphänomen, meist per Call Center aus Osteuropa, und die Anrufe erfolgen im Akkord.“ Persönliche Informationen werden im Vorfeld professionell ausspioniert. Vom Anbahnungstelefonat bis zur eigentlichen Tat bzw. Übergabe oder Abholung der Beute vergehen nur drei bis vier Stunden. „Das Geld kommt dann sofort ins Ausland, und der Schmuck wird eingeschmolzen.“ Warum trifft es vor allem Ältere? „Sie haben noch Vertrauen in die (vermeintlich echte) Polizei, können weniger körperliche Gegenwehr leisten und haben eine geringere Resilienz in Stresssituationen“, erklärte Jörg Mittelstädt. 

„Wenn ein Mensch Angst und Druck verspürt, kann man nicht mehr rational denken“, so Bernhard Sodoge. „Die Täter sind immer gut vorbereitet, wir nicht“, ergänzt er und nennt dies „die Macht der Situation“. Man sei kaum in der Lage zu überlegen, ob das alles überhaupt stimme, was man gerade hört. Bei weiteren betrügerischen Anrufen wie falschen Umfrageinstituten oder unseriösen Verkaufsangeboten käme noch hinzu, dass sich gerade „alleinstehende ältere Menschen oft über jeden Anruf freuen“. Ganz wichtig ist ihm: „Das alles hat mit Intelligenz gar nichts zu tun; es kann jedem passieren.“

Die Fachleute gaben wertvolle Tipps zur Vorbeugung: Sich am Telefon nur mit „Hallo“ melden. Nicht den eigenen Namen mit „Ja“ bestätigen, sondern „Wer will das wissen?“ fragen. Am besten die Festnetznummer aus dem Telefonbuch – auch online! – streichen lassen und in Traueranzeigen Ortsangaben vermeiden. Vor allem aber: „Hinterfragen Sie alles! Wo leise Zweifel sind, sofort auflegen.“