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Wir in Zeiten von Corona – Teil 3

Sandra Schümmer und Jugendliche der Aktion „Jugend Hilft“

Wie die Jugendarbeit trotz Einschränkungen weiterläuft

Die Corona-Pandemie stellt auch die Jugendarbeit im Rheinviertel vor neue Herausforderungen. Obwohl Zusammenkünfte derzeit nicht möglich sind, gibt es viele tolle alternative Angebote, bei denen die Jugendlichen trotzdem in Kontakt bleiben können – und sich ehrenamtlich engagieren!

 

Wer bin ich?

Mein Name ist Sandra Schümmer und seit nunmehr zwei Jahren bin ich Jugendreferentin im Rheinviertel in Bad Godesberg. Zusammen mit meinem Kollegen Matthias Kleudgen bin ich zuständig für das breite Feld kirchlicher Jugendarbeit, das bedeutet: Messdienerausbildung, Messdienerarbeit, Gruppenstunden, Jugendleiterausbildung, Leiterrunden sowie Tages- und Wochenendaktionen und Fahrten, ob nun übers Wochenende oder zwei Wochen im Sommer während der großen Ferienfreizeit. Gleichzeitig bin ich in die Firmvorbereitung im Rheinviertel involviert und Ansprechpartnerin der Bürgerstiftung Rheinviertel für die Jungstiftler, die vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die bei den zahlreichen Veranstaltungen der Bürgerstiftung mit Begeisterung und Tatendrang mit anpacken.

 

Hat Corona meinen Arbeitsalltag verändert?

Mit Sicherheit. Als Seelsorgerin und Ansprechpartnerin der Jugend im Rheinviertel ist der wichtigste Aspekt meiner Arbeit der direkte Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen. Aber gerade das ist in Zeiten von Kontaktverbot und Abstandhalten äußerst schwierig. Mein Kollege und ich leiten gemeinsam mit engagierten Jugendlichen normalerweise acht Gruppenstunden an drei Tagen – die abgesagt werden mussten, als wöchentliche Treffen von Kindern aus unterschiedlichen Haushalten zum gemeinsamen Spielen und Basteln aus Gründen der Pandemieeindämmung untersagt wurden. Gerade erst hatten wir bei den Kommunionkindern an einem spannenden Workshop-Nachmittag in St. Evergislus und St. Andreas ordentlich die Werbetrommel gerührt für den Dienst am Altar und die damit verbundene Messdienerausbildung, die wir im Anschluss an die Kommunionfeiern im Mai aufnehmen wollten, da holte auch uns der Lockdown ein. Wo sonst der direkte Kontakt im Zentrum stand, war nun über Wochen Homeoffice angesagt, Telefonate statt Gesprächen, Internet statt Real Life. Mit den Kollegen aus Burg- und Südviertel haben wir ein Konzept gestrickt, wie Jugendarbeit in Zeiten von Corona möglich ist. Regelmäßig am Wochenende, in der Heiligen Woche auch öfter, versammelten wir Jugendliche zum gemeinsamen Gebet online. Videos mit Challenges, also lustigen Aufgaben wie einem Witzewettbewerb oder Klopapierwurfspielen, entstanden und fanden ihren Weg in viele Haushalte. Und nicht zuletzt beteiligten wir uns an der Verbreitung und Bedienung des Helfertelefons, einer eigens initiierten Telefonnummer, unter der Menschen Hilfe bei alltäglichen Einkäufen, Erledigungen oder Botengängen finden. Ich bin überwältigt von der großen Hilfsbereitschaft der Jugendlichen und jungen Erwachsenen! In unserer Gruppe „Jugend hilft!“ sind über 100 freiwillige Helfer vernetzt und bereit, sich vielfältig zu engagieren.

 

Wie sieht das Engagement der Jugend in Zeiten von Corona aus?

Marja, Louisa, Sarah, Rebecca und Alexander sind fünf der über 100 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich zurzeit in der Aktion „Jugend hilft!“ engagieren. Sie helfen im Suppenhimmel dabei, belegte Brötchen und andere Lebensmittel an Bedürftige auszuteilen, unterstützen Angehörige der Risikogruppe bei täglichen Besorgungen, beteiligen sich an Aktionen der Gemeinde wie der Briefchen-Aktion für die Bewohner von Altenheimen oder verbreiten die Helfertelefonnummer durch das Verteilen und Aushängen von Flyern.

Marja, 17

Da ich gerne die älteren Menschen und Vorerkrankten vor dem Virus schützen möchte, habe ich Flyer in der Rolandstraße und der Rheinstraße verteilt.

Louisa, 19

In der jetzigen Zeit ist es besonders wichtig für mich, die Menschen zu unterstützen, die Hilfe (beispielsweise bei Einkäufen) benötigen. Deswegen habe ich mich bereit erklärt, bei der Aktion „Jugend hilft!“ mitzumachen und in diesem Rahmen Flyer für die Aktion verteilt. Mir fehlt der Kontakt zu Menschen und das ehrenamtliche Engagement, weshalb ich es schön fand, im Rahmen dieser Aktion meine Hilfe anbieten zu können.

Sarah, 17

Als ich in die „Jugend-hilft-Gruppe“ eingetreten bin, waren verdammt viele Jugendliche dort, was ziemlich cool war, weil man dann weiß, dass es ganz viele gibt, die helfen wollen. Immer, wenn irgendeine Anfrage reingeschickt wurde, haben sich direkt gleich 10 gemeldet, deswegen bin ich selber auch bisher nur einmal als Einkaufshilfe unterwegs gewesen. Das war eine echt schöne Erfahrung. Ich habe das mit einem anderen Jungen zusammen gemacht, und wir haben schon eine ziemlich lange Einkaufsliste bekommen, dann sind wir in den Supermarkt, haben alles abgeklappert. Das einzig Schwierige war halt natürlich, Klopapier zu finden, dafür sind wir dann extra nochmal in ein anderes Geschäft gegangen, um das zu holen. Als wir dann zu der Dame zurückgegangen sind, war die total überwältigt davon, dass wir tatsächlich auf jeden einzelnen Wunsch geachtet haben, obwohl das wohl gar nicht nötig gewesen wäre. Das war dann echt ein schönes Gefühl, was für sie gemacht zu haben, gerade weil es auch eine total liebe Frau war. Für mich war das auf jeden Fall wichtig in der Zeit, wo man sowieso nicht viel zu tun hat, etwas zu machen und auch produktiv zu sein, eben schon irgendwie „Corona-Ferien“ hat und nichts machen kann, dass man irgendwo eben dann doch was tun kann. Irgendwo war es mir auch wichtig, dass man erkennt: Egal, wie doof es ist, egal, wie sehr man sich auch darüber aufregt, dass man noch nicht mal abends irgendwo essen gehen kann oder sich mit ein paar Leuten treffen oder in den Club gehen kann, dass es dann doch Leute gibt, die noch mehr eingeschränkt sind, also z.B. ältere Leute, die dann ihre Enkelkinder nicht sehen können, dass man das eben ein bisschen im Hinterkopf hat und deswegen einfach das Beste daraus macht.

Rebecca, 23

In dieser Zeit fühlen sich viele Menschen alleingelassen. Besonders einsam sind die, die in Heimen leben und nicht durch Familie und Freunde besucht werden dürfen. Dieses Gefühl, dass es Menschen gibt, die sich so einsam fühlen und man nichts dagegen tun kann, ist furchtbar. Die Gemeinde hat sich daher eine ,,Briefchen-Aktion‘‘ überlegt, in der man an Bewohner einer Altenpflegeeinrichtung Briefe zu Ostern schreiben konnte. Ich habe mir überlegt, dass es sicherlich schön ist, wenn jede Person persönlich angesprochen wird, einen netten Ostergruß bekommt und dadurch das Gefühl hat, dass an sie gedacht wird. Die Reaktion der BewohnerInnen, welche uns mitgeteilt wurden, waren überwältigend positiv. Solch eine kleine Geste, einen Brief zu bemalen und beschriften, kann eine solche Freude auslösen. Das ist einfach wunderbar.

Alexander, 19

Ich engagiere mich nun seit Anfang des Corona-Shutdowns bei Projekten der Bürgerstiftung Rheinviertel. Zuerst war ich nur im Jugend-Hilft Netzwerk tätig, später habe ich aber auch für die Angebote Flyer verteilt und helfe mehrere Tage in der Woche im Suppenhimmel. Zuerst war meine Motivation, Menschen zu helfen aber auch etwas Sinnvolles in der vielen Zeit zu machen. Zudem habe ich mich sehr darüber gefreut, über die Aktionen meine Freunde aus der Gemeinde wieder zu treffen und nicht komplett zuhause festzusitzen. Beim Einkaufen, aber vor allem beim Suppenhimmel, habe ich sehr viele neue Menschen kennengelernt, die alle helfen möchten, aber vor allem auch viele Hilfsbedürftige. Diese Menschen freuen sich über die kleinen Dinge, und ihnen diese Dinge schenken zu können, macht auch mich glücklich.

 

Wie geht es nun weiter?

Wir erleben überall, wie wichtig es ist, mitunter kurzfristig auf die sich ständig verändernde Situation zu reagieren. Aktuell bestehen noch wesentliche Kontaktbeschränkungen, so dass eine Rückkehr zur Normalität, beispielsweise in Form von Gruppenstunden, im Moment noch nicht möglich ist. Erste Überlegungen seitens unserer Jugendleiter, auch Gruppenstunden wenigstens in „digitalem“ Format stattfinden zu lassen und mit den Kindern online Spiele wie „Stadt-Land-Fluss“, „Werwolf“ oder „Wer bin ich?“ zu bewerkstelligen, möchten wir in die Tat umsetzen. Sobald es vom Gesetzgeber her wieder möglich ist, werden andere Aktivitäten, etwa Gruppenstunden unter den gegebenen Hygiene- und Abstandsbestimmungen oder auch die eine oder andere Messdienerprobe nach wochenlanger Abstinenz, wiederaufgenommen. Die Messdienerausbildung haben wir auf die Zeit nach den Sommerferien verschoben in der Hoffnung, dass dann weitere Lockerungen in Kraft getreten sein werden, die uns die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen weiter erleichtern. Die Ferienfreizeit in den Sommerferien mit anvisierten 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf die Nordseeinsel Borkum mussten wir aufgrund der aktuellen Bestimmungen sowie vieler Unwägbarkeiten leider absagen, arbeiten aber fieberhaft an einem durchführbaren Alternativangebot.

 

Wie kann ein solches Alternativangebot aussehen?

Da neben der Ferienfreizeit des Rheinviertels in den letzten beiden Ferienwochen auch das „Kids‘ Camp“ des Südviertels in der ersten sowie die Ferienfreizeit des Burgviertels in der zweiten Ferienwoche abgesagt werden mussten, planen wir eine Betreuung vor Ort in den ersten beiden sowie letzten beiden Ferienwochen. Jeweils von Montag bis Freitag basteln und spielen wir mit unserem Team gut ausgebildeter Jugendleiter und den Kindern in unseren Pfarrheimen, machen Tagesausflüge mit dem Fahrrad ins Umland und besuchen einmal die Woche mit dem Bus Outdoor-Attraktionen wie das Bubenheimer Spieleland, den Otto-Maigler-Badesee oder die Greifvogelstation Hellenthal. Durch die wochenweise Anmeldung hoffen wir, flexibel auf eventuell anfallende Veränderungen der Gesetzeslage reagieren zu können, gleichzeitig möchten wir so vielen Godesberger Kindern und Jugendlichen wie möglich ein Gemeinschaftserlebnis in dieser durch Isolation und Abstand geprägten Zeit ermöglichen und den durch wochenlange Schließung der Schulen entstandenen Betreuungsnotstand in den Sommerferien abmildern. Für den Herbst bestehen Überlegungen, die reguläre Ferienfreizeit des Südviertels zu erweitern und für Kinder und Jugendliche des gesamten Sendungsraums zu öffnen.

 

Und „nach“ Corona?

Corona war und ist für uns alle eine Zeit des Umdenkens, des persönlichen Verzichts, in 2020 ist alles anders. Wir alle freuen uns sehr auf die Zeit „nach“ Corona, darauf, uns alle wiederzusehen und liebgewonnene Traditionen und Aktivitäten wieder aufleben zu lassen. Gleichzeitig durfte ich eine überwältigende Hilfsbereitschaft in der Jugend miterleben, einen liebevollen „Blick über den Tellerrand“, und diese Sichtweise hoffe ich zu bewahren. Eine Jugend, die nicht alleine auf sich schaut und sich um eigene Projekte dreht, sondern immer wieder auch Verantwortung für andere übernimmt, sich einbringt und denjenigen beisteht, die Hilfe brauchen – das ist ein unglaublich positives Bild von Gemeinde, genauso wünsche ich mir Jugendarbeit und bin der festen Überzeugung, dass wir alle aus dieser Krise gestärkt hervorgehen und dieses Engagement auch zurück in der Normalität beibehalten können.

 

Bild: © privat